Fast 90 Prozent der für alle frei zugänglichen Open-Access-Artikel, die in jüngster Zeit zu biomedizinischen Themen verfasst worden sind, entstanden mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI). Das haben Informatiker des Hertie Institute for AI in Brain Health der Universität Tübingen festgestellt. Dazu haben die Forscher die Nutzung von 379 Wörtern verfolgt, die von ChatGPT und Co deutlich häufiger verwendet werden als von Menschen. Insgesamt sind 1,1 Mio. englischsprachige Texte auf verdächtige Wörter wie "delves" ("vertieft"), "exacerbating" ("verschärft") und "invaluable" (von unschätzbarem Wert) analysiert worden.
Der Anteil an Texten, die mit KI-Hilfe verfasst worden sind, ist von 19 Prozent im Jahr 2023 über 52 Prozent im Jahr darauf und schliesslich auf 77 Prozent im Jahr 2025 gestiegen. Die Forscher Lena Holzwarth, Rita González-Márquez und Dmitry Kobak haben ausserdem festgestellt, dass Wissenschaftler KI nicht einheitlich über eine gesamte Studie hinweg einsetzen.
In 68 Prozent der Arbeiten wurde KI in der Zusammenfassung verwendet, in 63 Prozent in der Einleitung, in 58 Prozent im Abschnitt "Ergebnisse" und in 54 Prozent im Abschnitt "Methoden". Studien von Autoren aus Ländern, in denen Englisch nicht die Muttersprache ist, wie Südkorea, China und Taiwan, führten 2025 die Liste der KI-Unterstützung mit Quoten von über 80 Prozent an, während englischsprachige Länder wie Grossbritannien und die USA deutlich niedrigere Quoten aufwiesen.
Für viele Studenten und Wissenschaftler, deren Muttersprache nicht Englisch ist, sind die KI-Tools ein Werkzeug zum Überwinden von Sprachbarrieren. KI-Chatbots können die Schreibfähigkeiten verbessern, indem sie sofortiges Feedback zu Grammatik und Stil geben, und gleichzeitig beim Brainstorming helfen, also der Suche nach Ideen, unterstreichen die Forscher der Universität Tübingen.
Trotz dieser Vorteile wecke der zunehmende Einsatz von KI in dem Bereich auch Bedenken, da die Bots zuweilen "halluzinierten". Laut den Autoren erfinden diese oft Infos und präsentieren diese mit einer solchen Überzeugung, dass sie häufig nicht als Fehler erkannt werden. Im Extremfall werde daraus wissenschaftlicher Betrug. Darüber hinaus ignorierten viele Forscher ethische Richtlinien für den Einsatz von KI und gäben deren Verwendung gar nicht erst an, was das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft selbst untergraben könne.
Die Ergebnisse machen deutlich, dass KI-Unterstützung mittlerweile ein fester Bestandteil des wissenschaftlichen Schreibens ist und ein vollständiger Verzicht darauf wahrscheinlich nicht die Lösung ist, schreiben die Autoren. "Entscheidend ist es, angemessene Leitplanken zu schaffen, um sicherzustellen, dass die Qualität der durch KI erstellten Inhalte den an wissenschaftliche Literatur gestellten Standards entspricht", heisst es abschliessend.
